Sonntag, 20. Februar 2011

Die Unterschreiberitis

Ich hatte noch einen sachlichen Artikel versprochen, und hier soll er kommen, bevor das nächste kranke Kind zu hüten ist (deutet sich schon mehr als nur an...). Und zwar will ich begründen, warum ich nicht unterschreibe, weder die Petition, noch das Memorandum. So ganz klar auf den Punkt bringen kann ich es noch nicht, aber ich hoffe, es wird ungefähr deutlich, worum es mir geht.

Das Memorandum hat mich gleichermaßen gelangweilt wie geärgert. Das einzig Spannende war die Frage, wieviele es von meinen geschätzten Lehrern unterschrieben haben (vier, was weniger als befürchtet waren; aber da ich Absolvent der anscheinend einzigen Fakultät bin, die geschlossen nicht unterschrieben hat, stammen die Unterschreiber allesamt aus meinem Freijahr, und ja, ich kann bei zumindest zweien gut nachvollziehen, warum sie unterschrieben haben, und sehe in diesen Gründen keinen Angriff auf meine Positionen, eher im Gegenteil; eine weitere Unterschrift hat mich schlicht gewundert und der vierte Professor gehört eigentlich nicht zu meinen geschätzten Lehrern...). Warum es mich geärgert hat, hat bereits Walter Kardinal Kasper auf den Punkt gebracht. Erfreulich ist, daß in den FAZ-Leserbriefen dazu nur mäßig polarisiert wurde, ja geradezu zustimmend die Überwindung der Spaltung in der Kirche (auch wenn sie teilweise an m.E. falscher Stelle gesehen wurde) gefordert wurde -- und zwar von Vertretern, die erkennbar "gegnerischen" Lagern zuzuordnen wären. Es geht aufwärts.

Auf der anderen Seite fühle ich mich den Anliegen der Petition durchaus verbunden. Auch freue ich mich darüber, hier einige Namen aus meinem näheren Umfeld wiederzufinden (und das nicht einmal hauptsächlich aus der Blogoezese). Und manche völlig undialogische Reaktion der "Memorandumseite" hat mich fast dazu gebracht, mit zu unterschreiben. Ich habe es letztlich aber nicht getan, weil mir bei der Reflexion über mein Unbehagen bewußt geworden ist, daß ich eine Unterschrift ekklesiologisch nicht vor mir rechtfertigen könnte.

Okay, das ist jetzt ein wenig zu geglättet formuliert und klingt nach rein persönlicher Authentizität. Nein, so banal ist es nicht, ich denke tatsächlich, daß sich in dieser Unterschreiberitis (auf beiden Seiten!) ein ekklesiologischer Irrtum ausdrückt. Wovon ich rede, ist die Anwendung politischer Mittel im innerkirchlichen Diskurs (ich brauche keinen Dialog, ein vernünftiger Diskurs -- will heißen: niemand spricht dem anderen das Recht ab, seine Meinung vertreten zu dürfen -- würde mir schon völlig ausreichen, aber das ist -- wiederum auf beiden Seiten! -- keineswegs selbstverständlich).

Als ich das erste Mal gelesen habe, Politik könne als die Technik zur Machterlangung und -erhaltung verstanden werden, war ich ernsthaft entrüstet. 13 Jahre lang wurde mir eingetrichtert, in der Demokratie könne jeder gleichermaßen seine Meinung einbringen, jede Stimme sei gleich viel wert (heute weiß ich: allenfalls gleich wenig). Zugleich lernte ich den Wert rationaler Argumente zu schätzen und den Glauben daran, das beste Argument werde sich schon durchsetzen. Tja, humanistisches Jesuitengymnasium halt.

Ja, das wäre alles sehr schön, aber die Welt, sie ist nicht so. Dort geht es darum Mehrheiten zu organisieren, Abstimmungen zu gewinnen und Interessen durchzusetzen (= Parteiführung, Stimmvieh und Lobbyarbeit). Je länger ich die Politik beobachte, um so mehr bestätigt sich ihr Verständnis als besagte Technik. Im Augenblick rede ich mir noch ein, das wäre nicht immer so gewesen. Ich kenne auch noch genug Leute, die meinen, es sei immer noch nicht so (sie werden aber immer weniger). Vielleicht liegt es daran, daß ich älter werde, an Erfahrung reife und mehr Durchblick gewinne; vielleicht liegt es auch daran, daß ich mich den falschen Einflüssen (von Metal über Telepolis bis zur FAZ) aussetze. Jedenfalls ist das mittlerweile meine Überzeugung, was Politik (wirklich) ist.

Nach einem Wort unseres Papstes ist Macht (nicht Haß) das eigentliche Gegenteil von Liebe (Joseph Ratzinger: Eschatologie – Tod und ewiges Leben; Leipzig: Benno, 1981 [DDR-Lizenzausgabe], 81). In der Kirche sollte es aber um Liebe gehen, nicht um Macht, und daher soll es keine Parteiungen geben. Daher stellt sich mir die Frage, ob uns die Unterschreiberitis nicht genau das beschert und vertieft, was sie eigentlich überwinden will, nämlich die Kirchenkrise. Dabei geht es mir nicht um die öffentliche Wirkung (Katholiken sind zerstritten), die sollte uns bei der Wahrheitssuche herzlich egal sein (und das scheint sie dem Heiligen Stuhl und den meisten Bischöfen auch zu sein), und ich will auch niemanden, der unterschrieben hat, angreifen. Ich unterstelle allen Beteiligten, sowohl den Memorandern als auch den Petitionern an sich guten Willen und ernsthafte Sorge um die Kirche (wobei wir uns eigentlich nicht um die Kirche sorgen sollten, sondern um die vielen de facto Nicht-Glaubenden, die der Kirche angehören). Und ja, ich nehme auch zur Kenntnis, das insbesondere die Initiatoren der Petition genau das hier angesprochene Problem sehen und dagegen argumentieren, es ginge nicht um Mehrheiten, sondern darum, den Bischöfen ein Zeichen zu geben, es gäbe da auch noch andere Meinungen. Wenn ich aber sehe, wie de facto ständig die Zahlen verglichen werden, komme ich doch ein wenig ins Grübeln...

Jedenfalls tragen beide Unterschriftenlisten (und auch die für so viele andere Anliegen, vom Kirchenvolksbegehren bis zur Petition zu den Ausführungsbestimmungen von Summorum Pontificum) nicht dazu bei, verschiedene Standpunkte in Austausch miteinander zu bringen, sondern sie vertiefen die Parteiungen, die im eigenen Saft schmoren. So geht es nicht weiter, denn so wird nie jemand "die andere Seite" besser zu verstehen beginnen. In der Kirche, der katholischen zumal, sollte jede Stimme zählen, egal ob sie auf breite Zustimmung stößt oder ob sie abstrus oder verzagt wirkt. Katholizität orientiert sich an der Wahrheitssuche, der Katholik sollte immer in Betracht ziehen, daß er sich auch irren könnte und niemals die volle Wahrheit erkannt haben kann, so daß er von abweichenden Erfahrungen lernen kann.

Wahrheitssuche geht eben nicht durch Organisieren von Mehrheiten, sondern durch das Zueinander von ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Gott, mit der Welt und mit anderen Menschen. Jede dieser Erfahrungen ist wichtig und sollte bei Entscheidungen berücksichtigt werden. Genau das ist das Prinzip von Synodalität, von Konzilsentscheidungen: moralischer Konsens (weitgehende Einigkeit). Synodalität setzt aber voraus, daß jeder seine Meinung sagen kann und jede Meinung auch ernstgenommen wird. Dagegen ist ein Widerspruch, durch große Zahlen und Verbandsvertretungen eine Einheitlichkeit herzustellen, bei der scheinbar abseitige Meinungen unter den Tisch fallen. Jeder Katholik hat das Recht, sich an seinen Bischof oder den Papst zu wenden. Aber er sollte es niemals gegen etwas oder jemanden machen, sondern immer für die Wahrheit -- und sich der späteren Entscheidung des Hirten unterwerfen, selbst wenn sie ihm nicht passen sollte. Alles andere führt zu Entindividualisierung und Vermassung: nur noch Teil einer anonymen Masse sein.

Kommentare:

  1. Ich gehöre zu denen, die die Petition Pro Ecclesia unterzeichnet haben, nach längerem Zögern allerdings, weil mir ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen, wie die hier von dir formulierten (nur dass du sehr viel durchdachter argumentierst, als ich das hätte können).

    Was für mich den Ausschlag gegegeben hat, die Petition zu unterstützen, war die erhoffte (wenn auch so noch geringe) öffentliche Wirkung, wenn erkennbar wird, dass es viele Gläubige gibt, die den in den Medien propagierten deutschen Sonderweg in der Kirche nicht gehen wollen.

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  2. Lieber Vincentius Lerinensis,

    im Grunde meines Herzens stimme ich Dir zu, daß die Unterschriftensammelei kein Weg zur innerkirchlichen Entscheidungsfindung ist und sein darf. Warum ich trotzdem unterschrieben habe nach einem inneren Ringen? Weil ich befürchte, daß sonst unsere Seite nicht zu Wort kommt oder wahrgenommen wird. Sowohl die schrille Stimme der Medien als auch die des Verbands- und Kommunique-Katholizismus vermittelten den Eindruck, daß das, was Lammert&Co und die unterzeichnenden Theologen schrieben und sagten, mehrheitliche Meinung des Volkes Gottes in diesem Land ist. Ich weiß, daß einige Leute mit dem unglücklich waren, was in den letzten vierzig Jahren in der Kirche passiert ist, es aber von ihnen trotz unguten Gefühls angenommen wurde, weil es vom Papst und den Bischöfen kam. Erst in den letzten jahren ist die Freiheit in der Kirche dahingehend gewachsen, daß man nicht sofort in eine sektierische Ecke gestellt werden kann, sobald man alleine die historischen Abläufe wie zum Beispiel der Liturgiereform hinterfragt oder der Stichhaltigkeit der Abweichung vom höchsten Lehramt in moralischen Lehrfragen der Kirche (wiederverheiratete Geschiedene, Abtreibung, Humanae vitae etc) oder Fragen der Kirchendisziplin (Redemptionis Sacramentum, Priesterkleidung). Jetzt ist die Entwicklung absehbar, die die Kirche seit dem Konzil genommen hat, zum gut Teil gegen das geschriebene Konzilswort, doch man versucht uns einzureden, ein "Jetzt erst recht und noch schneller als bisher" wäre die Lösung die aufgetretenen Schäden und Wunden der Kirche zu heilen. Ich denke, ich bin nicht alleine, wenn ich glaube, daß wenn die Wunden der Kirche nach dem Rezept der Memorandisten geheilt würde, es dann heißen würde: "Operation gelungen, Patient tot, Requiem hält Frau Bischöfin X und ihre Lebensgefährtin in Konzelebration, die Gläubigen werden gebeten ihre regenbogenfarbenen Schals mitzubringen."

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  3. Ich kann Deine Argumentation verstehen und völlig nachvollziehen. Nur an einer Stelle bin ich nicht einverstanden: "Jedenfalls tragen beide Unterschriftenlisten ... nicht dazu bei, verschiedene Standpunkte in Austausch miteinander zu bringen, sondern sie vertiefen die Parteiungen, die im eigenen Saft schmoren. So geht es nicht weiter, denn so wird nie jemand "die andere Seite" besser zu verstehen beginnen."

    Ich glaube nicht, dass hier Gräber vertieft werden. Es wird nur sichtbar gemacht, welche Gräben es bereits gibt. Das halte ich für heilsam. Denn bevor man daran geht, ein Problem zu lösen, muss man erst wissen, was eigentlich das Problem ist. Wenn nun mit großer Medienressonanz eine Memorandum veröffentlicht wird, das das Problem und die Ursachen falsch beschreibt, ist es nötig, sich zu artikulieren und darauf hinzuweisen, dass die Diskussion von Anfang an in die falsche Richtung läuft.

    Daher habe ich die Petition unterschrieben.

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  4. Doch, diese Anschauung kann man durchaus teilen (fast hätte ich gesagt unterschreiben..).
    Ich selber habe mich nach längerem Zögern dennoch in die Petitionsliste eingetragen, aber nicht, um Demokratie in die kirchliche Meinungsfindung einzubringen, sondern schlicht um der Äusserung der gewöhnlichen, römischen Katholiken irgendwie Gehör zu veschaffen. Es herrscht nämlich weitherum die Meinung, bloss Akademiker (bzw. studierte Theologen) hätten Anrecht darauf, von den bischöflichen Verantwortungsträgern (und von den Medien!) als gültige Meinung des Kirchenvolkes angehört und akzeptiert zu werden.
    Es ist leider zu vermuten, dass manche der noch immer schweigenden Oberhirten das leider berühmtgewordene Memorandum noch gar nicht gelesen haben. Die von ihnen angestellten Religionspädagogen könnten sonst nicht derart unverblümt und öffentlich gegen die endgültig definierten Lehren ihrer Institution agitieren.

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  5. "Jeder Katholik hat das Recht, sich an seinen Bischof oder den Papst zu wenden. Aber er sollte es niemals gegen etwas oder jemanden machen, sondern immer für die Wahrheit"

    Nicht anders habe ich die Petition verstanden.

    Das jedes Votum des Menschen, sei es für oder gegen etwas, immer politisch ist, läßt sich nicht ändern. Wir leben in einer vermachteten Welt. Davon ist auch die Kirche nicht ausgenommen. Auch unser Votum für die Liebe nicht.

    Seit es galt, für Christus oder Barrabas zu votieren, darf man den Ergebnissen von Volksentscheiden durchaus skeptisch gegenüberstehen. Eine Enthaltung ändert daran nichts. Gerade sie ist nur ein Votum für die Mehrheit.

    Auf der anderen Seite gilt natürlich auch die Zusage des Herrn an Petrus ...

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  6. @Tiberius: Ja, wir leben in einer vermachteten Welt. Aber wir sind nicht von der Welt. Wenn wir uns in der Welt engagieren (das betrifft dein Christus-oder-Barrabas-Beispiel), müssen wir gelegentlich Kompromisse mit den Prinzipien der Welt eingehen (wobei es auch da Grenzen gibt), keine Frage. Aber doch nicht innerhalb der Kirche! Dann verweltlichen wir die Kirche nur noch weiter, und das habe ich nun nicht gerade als Anliegen der Petition verstanden.

    Im übrigen denke ich nicht, daß sich unsere Bischöfe in ihren Entscheidungen an Unterschriftenzahlen orientieren, weshalb ich mein Verhalten nicht als Enthaltung deute. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, als seinen Namen unter einen vorgefertigten Text zu setzen.

    Schließlich würde ich bestreiten, daß jedes Votum ein politisches ist, insbesondere das Votum für die Liebe ist es nicht. Jedenfalls hat mein "Ehevotum" nichts mit Macht zu tun gehabt.

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  7. Unser Papst hat die Entwicklung zu dem von Dir beschriebenen Zustand schon in den 60er Jahren gesehen.

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  8. Ich kann zwar die Gedankenansätze nachvollziehen- aber wenn jeder so dächte, bräuchten wir kein "Deutschland pro Papa", das zum Ziel hat, zu zeigen, daß es auch sehr viele papsttreue Katholiken gibt (die viel zu lange die Füße still gehalten haben).
    Wenn jeder so dächte, hätten die von Kirche von Unten /wisiki schon lange die Zügel in der Hand.
    Bei diesen Memorandum/Petitionsthema gibt es für mich nur entweder oder. Wer nicht für uns ist- ist gegen uns. Sorry meine meinung.

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  9. @Benedetta: Danke, daß Du meine Befürchtung so eindrucksvoll bestätigst.

    Wenn jeder so dächte, gäbe es übrigens keine KvU oder WisiKi.

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  10. Ja das wär doch traumhaft. Der Welt wäre einiges erspart geblieben, und meinen Nerven ebenso...

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  11. Falls ich an dieser Stelle etwas dazu sagen darf (schließlich ist das ja nicht mein Blog):

    Benedetta, das kann doch nicht dein Ernst sein - "wer nicht für uns ist, ist gegen uns"? Wir sprechen hier von der Freiheit des Gewissens, dafür sind sind hochverehrte christliche Märtyrer wie der hl. Thomas More gestorben. Es geht um die vielleicht etwas aus der Mode gekommene Tugend des "guten Namens", darum, sich in aller Freiheit und sehr gut zu überlegen, worunter man diesen Namen setzen will. Man kann mich schwerlich zu den "gelahrten" Personen zählen, und mein Name ist sicherlich armselig genug, aber es ist der einzige, den ich habe. Ich werde ihn nicht unter etwas setzen, für das ich nicht ganzen Herzens einstehen könnte.

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  12. Verweisen möchte ich auf mein Posting: http://nachtdesherrn.wordpress.com/2011/03/03/der-akademisch…nft-der-kirche/
    Nach der DBK leben zur Zeit ca. 24,9 Millionen Katholiken in Deutschland. Und ich korrigiere meine Aussage mal vorsichtig nach oben: 9/10 davon geht dieser ganze Disput sehr weit am Allerwertesten vorbei.
    Wieviel Unterschriften braucht man eigentlich, damit diese irgendeine repräsentative Relevanz haben? Ausserdem bitte ich zu bedenken, dass allein im Bistum Augsburg bis Dez. 2011 ca. 11.000 Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben. Das sind 1/10 der Austritte in Deutschland 2009. http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenaustritt
    Gesicherte Zahlen für 2011 liegen noch nicht vor. Aber soviel ist sicher: Trau keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.

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