Vor einem Monat beglückte mich Christ in der Gegemwart mit einem als Umfrage getarnten Werbeschreiben, nun hat die Herder-Korrespondenz nachgezogen. Obwohl es bei CiG um "Kirche wohin?" ging, bei der Herder-Korrespondenz aber um "Deutschland vor dem Papstbesuch", unterscheiden sich die Themenfelder der Umfragen nicht sonderlich: beide drehen sich eigentlich um den Dialogprozeß und den Rest des gegenwärtigen kirchenpolitischen Tagesgespräches.
Soweit, so gut, nur zertrümmern mir die Umfragen mein Weltbild. Während ich das Probeabo von CiG wegen regelmäßiger Herzattacken fast nicht überlebt hätte, war die Herder-Korrespondenz zwar nicht immer in voller Länge interessant, aber sie hatte immerhin ein differenzierteres Niveau als CiG und war durchaus wissenschaftlich zitierbar (was zum Teil der Grund für die Langeweile gewesen sein dürfte :-). Wenn ich nun aber die Umfragen vergleiche, dann ist die der CiG aber um Längen differenzierter. Schon alleine die Antwortvorgaben: Während bei CiG Mehrfachauswahl möglich war und verschiedene Aspekte eines Themenfeldes berücksichtigt wurden, gibt es bei der Herder-Korrespondenz immer nur die gleichen Antworten, von denen man sich für eine entscheiden muß: "Ja" und "Nein".
Leider kann man bei keiner Frage mit dem Ankreuzen einer dieser Vorgaben die Frage angemessen beantworten, was nicht zuletzt daran liegt, daß die Fragen schonmal gleich gar nicht angemessen gestellt sind. Etwa Frage 3: "Die Bischöfe haben den Ernst der Lage noch nicht erkannt." Könnte man ja ankreuzen, könnte man aber auch nein ankreuzen, je nachdem, welche Bischöfe man vor Augen hat und worin man den "'Ernst der Lage" sieht (ich vermute, ich sehe den "Ernst der Lage" in einer anderen Richtung als die Umfrageersteller). Oder Frage 6: "Das kirchliche Leben wird mehrheitlich von Frauen getragen, die katholische Kirche aber von Männern geleitet: Daran muß sich etwas ändern." -- Ja: die Männer sollten sich mehr ins kirchliche Leben einbringen. Nein: an der Leitung durch Priester kann sich nichts ändern. Ganz zu schweigen von Frage 10: "Der Papstbesuch wird die Stimmungslage im deutschen Katholizismus deutlich verbessern." Mal davon abgesehen, daß ich beim Begriff "Katholizismus" jedesmal zusammenzucke (rein begrifflich: katholisch läßt sich nicht "ismisieren", denn dann ist es nicht mehr allumfassend; historisch: ganz bestimmte Ausprägung katholischen Lebens, die schon seit dem einen oder anderen Jahrzehnt vorbei ist, auch wenn das ZdK immer noch die Ordnung des frühen 20. Jahrhunderts repräsentiert), ist natürlich die Frage, was man unter "deutschem Katholizismus" versteht. Die Doppelnamen-Gutmenschenfraktion wird sich jedenfalls nicht vom Papst die schlechte Stimmung verderben lassen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Herder-Korrespondenz hat es mit einem einzigen Werbeschreiben geschafft, mein bisher positives Gesamtbild der Zeitschrift von Grund auf zu zerstören. Herzlichen Glückwunsch, das ist doch mal eine Leistung.
In ipsa item catholica ecclesia magnopere curandum est, ut id teneamus, quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est.
Posts mit dem Label Wissenschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wissenschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Mittwoch, 3. August 2011
Freitag, 22. Juli 2011
Theodizee gelungen, Gott tot
Josef Bordat hat gestern einen kurzen Aphorismus zur Theodizeefrage gepostet, den er von Odo Marquard abgeleitet hat. Darum hier nun den meines Erachtens treffendsten Ausspruch Marquards zur Theodizee:
Ganz davon abgesehen, daß dieser Spruch schon völlig kontextlos ziemlich treffend wirkt (auf mich jedenfalls), da der menschliche Versuch, Gott angesichts der Übel der Welt zu rechtfertigen, immer schon einem Gottesmord gleichkommen muß, spielt sich dabei doch der Mensch als Anwalt eines ihm überlegenen Wesens auf (uarghs, allein bei dieser Formulierung kräuseln sich mir die Fußnägel auf), bekommt er bei genauerer Betrachtung noch dazu einen ziemlichen philosophiegeschichtlichen Tiefgang.
Das Erdbeben von Lissabon 1755 hatte die Leibniz'sche Theodizee (beste aller möglichen Welten) auf praktische Weise als unglaubbar ad absurdum geführt. Zwar war sie nach wie vor denkbar, hatte aber praktisch keine Überzeugungskraft mehr. Die Philosophie reagierte im großen und ganzen damit, die schon von Leibniz unterschiedenen Sphären von malum physicum und malum morale dergestalt zu trennen, daß für das malum morale nur noch der Mensch, fürs malum physicum aber die Naturgesetze, mithin also keine Person und damit keiner verantwortlich ist. Die Natur funktioniere eben so. (Das malum metaphysicum scheint dabei irgendwie klammheimlich auf der Strecke geblieben zu sein.)
Dieses Denken setzt natürlich ein deistisches Gottesbild voraus, nach dem Gott nicht mehr in seine Welt eingreift, nachdem er ihr einen Schöpfungsimpuls gegeben hat, ihre Entwicklung quasi "angestupst" hat (nur so ist Gott auch nicht für die Gesetze, nach denen seine Schöpfung funktioniert, verantwortlich). Damit reduziert sich die Frage nach dem Bösen in der Welt auf das malum morale, für das eben allein der Mensch verantwortlich ist (im Zweifel aus geistiger Trägheit, weshalb er aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit werden muß).
Angesichts des Bösen in der Welt zu rechtfertigen ist damit nicht mehr Gott, sondern der Mensch. Eigentlich ist die Theodizee damit zur Anthropodizee geworden, und in ihrer "Lösung" kommt Gott im eigentlichen Sinne nicht mehr vor. Die "Lösung" der Theodizee wird mit einem dermaßen schwachen Gottesbild erkauft, daß man mit Fug und Recht sagen kann, das hat nicht nur nichts mehr mit dem sich offenbarenden Gott der Bibel zu tun, sondern erinnert auch nur noch vage an den Gott, wie ihn frühere Philosophen mit Ihrer Vernunft erkannt hatten. Eben: "Theodizee gelungen, Gott tot."
"Theodizee gelungen, Gott tot."
Odo Marquard: Schwierigkeiten beim Ja-Sagen; in: Willi Oelmüller (Hg.): Theodizee – Gott vor Gericht?; München 1990, 87–102, hier 98.
Ganz davon abgesehen, daß dieser Spruch schon völlig kontextlos ziemlich treffend wirkt (auf mich jedenfalls), da der menschliche Versuch, Gott angesichts der Übel der Welt zu rechtfertigen, immer schon einem Gottesmord gleichkommen muß, spielt sich dabei doch der Mensch als Anwalt eines ihm überlegenen Wesens auf (uarghs, allein bei dieser Formulierung kräuseln sich mir die Fußnägel auf), bekommt er bei genauerer Betrachtung noch dazu einen ziemlichen philosophiegeschichtlichen Tiefgang.
Das Erdbeben von Lissabon 1755 hatte die Leibniz'sche Theodizee (beste aller möglichen Welten) auf praktische Weise als unglaubbar ad absurdum geführt. Zwar war sie nach wie vor denkbar, hatte aber praktisch keine Überzeugungskraft mehr. Die Philosophie reagierte im großen und ganzen damit, die schon von Leibniz unterschiedenen Sphären von malum physicum und malum morale dergestalt zu trennen, daß für das malum morale nur noch der Mensch, fürs malum physicum aber die Naturgesetze, mithin also keine Person und damit keiner verantwortlich ist. Die Natur funktioniere eben so. (Das malum metaphysicum scheint dabei irgendwie klammheimlich auf der Strecke geblieben zu sein.)
Dieses Denken setzt natürlich ein deistisches Gottesbild voraus, nach dem Gott nicht mehr in seine Welt eingreift, nachdem er ihr einen Schöpfungsimpuls gegeben hat, ihre Entwicklung quasi "angestupst" hat (nur so ist Gott auch nicht für die Gesetze, nach denen seine Schöpfung funktioniert, verantwortlich). Damit reduziert sich die Frage nach dem Bösen in der Welt auf das malum morale, für das eben allein der Mensch verantwortlich ist (im Zweifel aus geistiger Trägheit, weshalb er aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit werden muß).
Angesichts des Bösen in der Welt zu rechtfertigen ist damit nicht mehr Gott, sondern der Mensch. Eigentlich ist die Theodizee damit zur Anthropodizee geworden, und in ihrer "Lösung" kommt Gott im eigentlichen Sinne nicht mehr vor. Die "Lösung" der Theodizee wird mit einem dermaßen schwachen Gottesbild erkauft, daß man mit Fug und Recht sagen kann, das hat nicht nur nichts mehr mit dem sich offenbarenden Gott der Bibel zu tun, sondern erinnert auch nur noch vage an den Gott, wie ihn frühere Philosophen mit Ihrer Vernunft erkannt hatten. Eben: "Theodizee gelungen, Gott tot."
Montag, 21. März 2011
Umfrage der FSU zu Religiosität
Teilweise etwas merkwürdige Antwortvorgaben, finde ich. Aber auch manche Fragen, etwa die nach dem Umgang mit den eigenen Finanzen am Ende. Wer sich gerne durch Fragebögen klickt, wird trotzdem seinen Spaß haben: hier.
Abonnieren
Posts (Atom)